Sinnvolles Wachstum – was bedeutet das überhaupt? (Teil 2)

Welche Wachstumsrichtungen gibt es und welche davon sind für dich attraktiv?

Hier bei Biztopia geht es mir darum, wie du dein Business sinnvoll wachsen lassen kannst. Aber in welche Richtung(en) kann ein Unternehmen überhaupt wachsen? Während ich mir im vorigen Beitrag angeschaut habe, wie Sinn und Entwicklung für uns als Unternehmerin oder Unternehmer persönlich zusammenhängen, möchte ich diesen zweiten Teil der Doppelfolge der Frage widmen, welche Wachstumsrichtungen es überhaupt gibt.

Ganz wichtig ist mir vorab dieser Hinweis: Wachsen verstehe ich hier wieder als sich qualitativ weiterentwickeln. Ein quantitatives Wachstum ist allerdings häufig die Folge 😉

Wie gewohnt gibt es auch diesen Beitrag  in abgewandelter Form im Biztopia-Podcast zum Hören. Hier kannst du ihn direkt abspielen:

Inwiefern und wohin könntest du dein Business weiterentwickeln? Wenn ich mich mit Kunden oder anderen Unternehmern unterhalte, stelle ich immer wieder fest, dass nahezu jeder spontan meist nur einige „naheliegende“ Wachstumsrichtungen im Blick hat.

Mein Ziel ist daher, dein Blickfeld zu erweitern, so dass du mehr Auswahlmöglichkeiten hast. Dazu möchte ich dir im Folgenden eine Liste mit einer bestimmte Systematik an die Hand zu geben. Sie umfasst immerhin 15 Wachstumsrichtungen für ein Unternehmen. Auch damit ist sie nicht umfassend, bestimmt ließen sich noch weitere ergänzen oder die vorhandenen anders gliedern. Aber darum geht es mir nicht. Wichtig ist mir, dass die Liste dich inspiriert und dabei unterstützt, neue Ideen zu generieren …

Vielleicht erinnerst du dich an die sechs Dimensionen für sinnvolles Wachstum? Drei davon betreffen dich persönlich als Inhaberin oder Inhaber, die drei anderen dein Business: INNEN zielt auf die Binnenperspektive deines Unternehmens und AUSSEN auf seine Kommunikation und Beziehungen zu (künftigen) Kunden und Partnern. Bei der dritten Dimension WAS geht es um die Produkte und Dienstleistungen, also um das, was deine Firma konkret anbietet, darum, welchen Nutzen es für deine Kunden schafft.

Lass uns bei diesen drei Dimensionen beginnen, um uns anzuschauen, in welche Richtungen dein Business theoretisch wachsen könnte. Für jede Dimension bin ich auf fünf Wachstumsrichtungen gekommen, die ich dir gleich vorstellen werde. Um zu veranschaulichen, was ich konkret meine, werde ich sie dir am Beispiel eines fiktiven Unternehmens illustrieren. Ich habe mich für eine Branche entschieden, die die meisten von uns wohl eher aus Kundensicht kennen, und zwar aus ihrer Zeit als Fahranfänger: mein Beispiel ist ein Fahrschulunternehmen.

Dimension „WAS“: Dein Angebot an Produkten und Dienstleistungen

Hier gibt es diese fünf Wachstumsrichtungen:

  1. Ausdehnung / Verbreiterung
    a) der Produktpalette (bezogen auf die Fahrschule könnten dies sein: neben Führerschein Klasse B für PKW weitere für LKW / Motorrad / Mofa)
    b) der Zielgruppen (künftige Berufskraftfahrer, Altersgruppe 50+, Fahranfänger mit einer anderer Muttersprache)
    c) der Standorte (neue Filialen)
    d) der Tätigkeitsfelder / Geschäftszweige (Online-Kurse, angstfreies Fahren)
  2. Verschlankung / Fokussierung
    a) der Produktpalette (Reduktion, z.B. kein LKW mehr)
    b) der Zielgruppen (z.B. nur Frauen, nur eine bestimmte Altersgruppe)
    c) der Standorte (Schließung weniger profitabler Filialen, Konzentration auf die Top-Standorte)
    d) der Tätigkeitsfelder / Geschäftszweige (Weglassen bestimmter Tätigkeitsfelder)
  3. Qualitätsniveau
    Höhere Qualität ist häufig das Ergebnis einer Spezialisierung und kann den Ruf sowie die Sichtbarkeit verbessern („Experte für …“). (Experte für Fahren ohne Angst, für den Wiedereinstieg nach einer Fahrpause)
  4. Innovation
    Hier geht es um die Schaffung von neuen, besseren Lösungen für die Kunden. Dabei wird (technischer) Fortschritt genutzt und möglicherweise auch dazu beigetragen (Bsp. Digitalisierung). (Fahrzeuge mit Elektroantrieb, Motorrad-Fahrstunden auf einer Harley, digitale Lernmedien für die Theorie)
  5. Business Model
    An was verdient das Unternehmen primär? Dies ist nicht immer das, was man auf den ersten Blick vermutet. So bieten Hersteller von Druckern die Hardware meist sehr günstig an, um dann an den Druckerpatronen zu verdienen. Dasselbe gilt für die Hersteller von Rasierern und den Verkauf von Klingen. Diese beiden Beispiele sind recht bekannt. Aber nicht jeder Käufer eines eReaders (Kindle, Tolino, Kobo) ahnt, dass der Hersteller erst dann schwarze Zahlen verzeichnet, wenn man im integrierten Shop einige eBooks erworben hat. (In der Fahrschule lohnt es sich, die Stellschrauben zu betrachten: Werden einzelne Fahrstunden verkauft? Oder Pakete? Oder wäre gar eine „Flatrate“ bis zur bestandenen Prüfung denkbar?! Hier bin ich skeptisch …)

INNEN: Interne Perspektive

  1. Wissen und Fähigkeiten
    Diese Wachstumsrichtung betrifft das individuelle Können und Know-how. Um es zu erweitern, kann man sich selbst fortbilden bzw. weiterentwickeln, die vorhandenen Mitarbeiter dabei unterstützen oder neue mit entsprechenden Kenntnissen einstellen.
    (Fortbildungen, spezielle Zusatzausbildungen, das Team gezielt um Fahrlehrerinnen oder Fahrlehrer mit zusätzlichen Sprachkenntnissen erweitern)
  2. Prozesse
    Eine Optimierung und möglicherweise auch Verschlankung der internen Prozesse kann die Effektivität steigern. Hier geht es somit darum, wie innerhalb des Unternehmens gearbeitet wird. Eine Verbesserung in diesem Bereich führt in der Regel auch zu weniger Ausschuss! (Alle Abläufe in Ruhe anschauen: Wie macht man was bisher? Was lässt sich verbessern?)
  3. Unternehmenskultur
    Hier geht es um den Umgang miteinander: In welcher Haltung begegnen wir uns im Unternehmen, was zeichnet uns im Umgang miteinander aus? (wertschätzender Umgang auch in Stresssituationen, Verbesserung der Fehlerkultur)
  4. Unternehmensführung
    Ein Wandel in der Unternehmensführung kann viele Gesichter haben. Beispiele hierfür sind ein Generationswechsel, das Aufsplitten von Rollen auf mehrerer Personen, die Hinzunahme eines neuen Partners etc.) (Übergabe an die nächste Generation, Chefin zieht sich raus und arbeitet künftig nur noch halbtags, Chef konzentriert sich auf Unternehmensführung und delegiert das Fahren komplett)
  5. Mitarbeiter und interne Struktur
    Dies umfasst beispielsweise die Mitarbeiterentwicklung, Neueinstellungen oder auch die Einführung einer weiteren Führungsebene.
    (z.B. eigene Standortleitungen, Änderung der Zuständigkeiten im Büro)

AUSSEN: Externe Perspektive

  1. Sichtbarkeit
    Hier geht es u.a. um die Stärkung des eigenen Image und den Aufbau bzw. die Weiterentwicklung der eigenen Marke, eine Professionalisierung des Marketings und des gesamten Außenauftritts (z.B. Erweiterung um Inbound-Marketing)
    (z.B. neues Logo, Relaunch der eigenen Website, Entwicklung einer Social-Media-Strategie inkl. Facebook-Seite, Pressearbeit flankierend zur Erweiterung des Angebots, Beispiel „Ferienfahrschule“)
  2. Vertriebskanäle
    Ein Unternehmen, das bislang ausschließlich offline tätig ist, könnte künftig auch online verkaufen – oder umgekehrt.
    (Online-Kurse für den Theorieteil, Buchung von Fahrstunden online)
  3. Arbeitsteilung mit Kunden
    Es gibt viele Möglichkeiten, den Kunden bestimmte Dinge selbst machen zu lassen (Beispiele: Möbel selbst zusammenbauen, selbst tanken an der Tankstelle, Essen im Selbstbedienungsrestaurant an einer Theke abholen … vieles ist heute Standard, aber z.B. im Bereich Gestaltung ist noch viel Weiteres möglich – Stichwort Customization). (Bezogen auf die Fahrschule gibt es hier kein naheliegendes Beispiel. Evtl. könnte es einen Unterschied machen, ob der Fahrlehrer den Kunden von zu Hause abholt oder er zur Fahrschule kommt?)
  4. Verhältnis zu anderen Marktteilnehmern
    Denkbar sind hier Kooperationen, die aus Wettbewerbern Partner machen, die Verschiebung der Grenze zwischen innen und außen (Auslagerung von Aufgaben im Sinne von Outsourcing oder umgekehrt Verlagerung von bislang extern wahrgenommenen Aufgaben ins Unternehmen hinein).
    (Bildung eines Verbunds oder einer Partnerschaft mit einer Fahrschule zum gleichen Schwerpunkt an einem anderen Standort?)
  5. Impact
    Hier geht es um eine Veränderung der positiven oder auch negativen Auswirkungen der Unternehmenstätigkeit, beispielsweise bezogen auf die Umwelt. (Einführung besonders umweltfreundlicher Fahrzeuge, CO2-neutrale Fahrstunden?)

Soweit der Überblick. Ein wichtiger Hinweis hierzu: Natürlich ist auch eine Kombination dieser Wachstumsrichtungen möglich. In der Praxis ist es sogar sehr wahrscheinlich, dass ein Business sich in mehreren Bereichen parallel weiterentwickelt. Häufig sind bezogen auf das Unternehmen alle drei Dimensionen betroffen.

Nehmen wir ein letztes Mal die Fahrschule als Beispiel, konkret die Einführung von Intensivkursen in den Ferien. Dann haben wir es erstens mit einer Ausdehnung des Produktangebots zu tun (Dimension WAS), zweitens wird es dazu hoffentlich abgestimmte Marketingmaßnahmen geben, die die Sichtbarkeit erhöhen (AUSSEN), und drittens werden vielleicht neue Mitarbeiter für die Ferienmonate eingestellt oder es wird intern ein Team „Ferienfahrschule“ gebildet (INNEN).

Durch diese Veränderung wächst nicht nur das Fahrschulunternehmen, sondern wahrscheinlich auch der Inhaber persönlich: Bezogen auf seine drei Rollen Autor, Regisseur und Darsteller könnte es sein, dass er in seiner Rolle als Autor die Einführung der Ferienfahrschule sorgfältig plant und dabei gleichzeitig Raum lässt, um auf kurzfristige Veränderungen einzugehen (vielleicht ist die Nachfrage an Mofa-Fahrstunden in den Ferien doch nicht so hoch, dafür gibt es Anfragen von Vätern und Müttern nach komprimierten Motorradfahrstunden?) und als Regisseur steuert er souverän das Team „Ferienfahrschule“ und integriert geschickt die vorübergehend neu hinzugekommenen Kollegen. Gleichzeitig freut sich der Darsteller in ihm schon darauf, dass ihm die intensive Ferienfahrschul-Zeit im Sommer den ausgedehnten Australien-Urlaub mit seiner Frau einige Monate später ermöglichen wird, von dem beide schon lange träumen …

 

Und jetzt bist du dran!

Jetzt hast du alle 15 Wachstumsrichtungen kennengelernt. Daran schließt sich für mich die Frage an: Was darf’s denn sein? Welche Richtung(en) kommen für dich in Frage und in welchem Ausmaß soll dein Business hier wachsen?

Ich kenne deine Antwort (noch) nicht, aber sie wird von mindestens drei Dingen abhängen:

  • deinem Business (Wo stehst du? Was ist schon da? Wo brennt es?),
  • den Rahmenbedingungen (sprich deiner Branche und deinem Umfeld) und
  • a. von dir selbst (Was ist für dich sinnvolles Wachstum?)

Ich empfehle dir daher, in diesen drei Schritten vorzugehen:

  1. Schaue dir die 15 Wachstumsrichtungen nochmals in Ruhe an und überlege dir, was hier konkret bezogen auf dein Business THEORETISCH denkbar ist. Wenn du dich für diese Richtung entscheiden würdest, was würde das bedeuten? Wie sähe dann die Weiterentwicklung konkret aus?
  2. Unterziehe die THEORETISCH denkbaren Weiterentwicklungen jetzt einer kritischen Prüfung: Würde es sich für dich um ein sinnvolles Wachstum handeln? Inwieweit steht das, was du beschrieben hast, im Einklang mit deinen eigenen Werten, Bedürfnissen, Stärken und persönlichen Motiven? Nutze deine Definition von „sinnvollem Wachstum“, um aus den theoretisch möglichen Wachstumsformen die herauszufiltern, die für dich tatsächlich attraktiv wären, einfach, weil sie zu dir passen.
  3. Schaue dir dann die Rahmenbedingungen an. Inwieweit fördern oder erschweren sie ein Wachstum in die von dir gewählte Richtung? Was gilt es für dich zu beachten? Was bräuchtest du konkret? Möchtest du angesichts der Rahmenbedingungen die Wachstumsrichtung noch ein Stück weit anpassen?

Zum Schluss ist es Zeit für einen persönlichen Check: Hast du eine Wachstumsrichtung identifiziert, die dir sinnvoll erscheint, dann lohnt es sich, den „roten Faden“ der eigenen Story einmal testweise weiterzuerzählen unter der Annahme, dass man diesem Wachstumsweg folgt. Mehr zur „eigenen Story“ findest du übrigens hier.

Frage dich dabei: Wie fühlt sich das an? Brenne ich dafür, wünsche ich es mir wirklich? Oder kann ich noch nachjustieren, damit die Wachstumsrichtung noch mehr im Einklang mit dem steht, was ich mir wünsche?

Auf einen Blick: Take-Aways

  • Es gibt mindestens 15 Wachstumsrichtungen. Es lohnt sich, alle einmal theoretisch zu durchdenken.
  • Welche davon praktisch für dich attraktiv sind, hängt von den Rahmenbedingungen ab und besonders auch davon, was für dich sinnvolles Wachstum ausmacht.
  • Hat man sich für eine Wachstumsrichtung (bzw. eine Kombination mehrerer) entschieden, dann kann man in der Regel weiterhin einen „roten Faden“ identifizieren, so dass sich die eigene Geschichte weitererzählen lässt.

Was meinst du, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, um die Wachstumsrichtungen einmal für dein Unternehmen abzuklopfen?

Ich habe dir dafür ein Arbeitsblatt vorbereitet. Wie alle weiteren Worksheets steht es für dich in der Biztopia-Collection bereit. Am besten lädst du es dir jetzt gleich kostenlos herunter …

Viel Spaß dabei!

2017-07-01T08:03:21+00:00 2. Juni 2017|

Über die Autorin:

Nina Kreutzfeldt lebt und arbeitet als Business Coach, Beraterin und Sparringspartnerin in Hamburg. Im Biztopia-Blog sowie im gleichnamigen Podcast gibt sie regelmäßig Unternehmern, Freiberuflern und anderen Selbstständigen, die mit ihrem Business sinnvoll wachsen wollen, wertvolle Impulse.